Die Klimaerwärmung verändert den Geschmack und das Aroma der verschiedenen Weinsorten. Dadurch geht eine Schere zwischen der faktischen Entwicklung und den strikten Vorschriften für Qualitätsweine auf.
Wie der Österreichische Weinbauverband diese Woche berichtete, wird der Jahrgang 2024 zwar geringere Mengen, aber umso kräftigere Weine hervorbringen. Mit der Lese wurde ein Monat früher als gewöhnlich begonnen – „um ein harmonisches Zucker-Säure-Verhältnis zu erhalten“, wie es hieß. Die heurige Rekordhitze ließ den Zuckergehalt der Trauben steigen und den Säuregehalt sinken. Das verändert Geschmack und Aroma der traditionellen Weinsorten.
Jede Rebsorte hat ein Klimafenster, das für sie optimal ist. Ein wichtiger Wert dabei ist die „Huglin-Zahl“ (Wärmesumme): Grüner Veltliner z. B. gelingt am besten bei einer Huglin-Zahl zwischen 1700 und 1800, Cabernet Sauvignon zwischen 1900 und 2000, Syrah zwischen 2100 und 2200 usw.
Der fortschreitende Klimawandel verändert die Anbaubedingungen für verschiedene Rebsorten. Während z. B. das Kamptal in den 1960er-Jahren nur für Weißweine geeignet war, werden dort heute auch prächtige Rotweine gekeltert – für säurebetonte weiße Sorten wird es gleichzeitig immer schwieriger. Umgekehrt wird künftig auch in kühleren Regionen Wein angebaut werden – es wird wohl bald Weißweine aus Norddeutschland oder aus dem Waldviertel geben (so wie seinerzeit im hochmittelalterlichen „Klimaoptimum“). Und das Burgenland wird wohl schwere Rotweine hervorbringen, wie sie heute für Spanien oder Süditalien typisch sind.
Das Klima ist freilich nur eine „Zutat“, wichtig sind auch z. B. der Boden, die Art der Kultivierung, der Ausbau im Keller usw. Dennoch darf als sicher gelten, dass die traditionellen Weinbauregionen vor großen Veränderungen stehen. Gleichzeitig sind aber die Vorgaben für Qualitätsweine, die als „geschützte Ursprungsbezeichnungen“ (Protected Designation of Origin, PDO) bei der EU registriert sind, sehr strikt. Früher oder später wird die faktische Entwicklung mit diesen starren Vorschriften kollidieren.
Eine Forschergruppe um Simon Tscholl (Eurac Research Bozen, zuvor Uni Innsbruck) hat dieses Spannungsfeld nun anhand von 1085 PDO-Weinbauregionen in ganz Europa systematisch untersucht. Dabei wurde die Klimaentwicklung mit der Anpassungsfähigkeit verschiedener Regionen (hinsichtlich Know-how, finanziellen Möglichkeiten, Wasserverfügbarkeit, Mechanisierung, etc.) kombiniert und daraus ein Maß für die Verwundbarkeit (Vulnerabilität) ermittelt. Demnach sind v. a. Weinbauregionen in Zentralspanien, an der italienischen Adriaküste und in Osteuropa (Ungarn, Rumänien und Bulgarien) besonders verwundbar. Viel geringere Probleme sind für Frankreich, Portugal und – überraschenderweise – Süditalien zu erwarten (Nature Communications, 24. 7.).
In Österreich ist die Situation ziemlich divers: Am vulnerabelsten sind die Weinbauregionen Neusiedlersee, Leithaberg und Carnuntum. Mittlere Verwundbarkeit weisen etwa das Weinviertel, Wien, das Traisental oder die Südost- und Südsteiermark auf. Am wenigsten gefährdet ist – neben inneralpinen Weinbauregionen – die Wachau. Prost!
Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist nun Wissenschaftskommunikator am AIT.
www.diepresse.com/wortderwoche
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